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Der Boom von Online-Marktplätzen

Welche Vorteile sich für den stationären Handel bereithalten und was vor allem KMUs mit dem Blick auf Best Cases aus der Krise lernen können.
Roland Fesenmayr | 02.11.2020
Der Boom von Online-Marktplätzen © Freepik
 

Die Corona-Pandemie hat das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben in Deutschland voll im Griff. Nach einer kurzen Verschnaufpause im Sommer werden die Wintermonate erneut eine große Herausforderung. Vor allem der stationäre Handel war in der Phase des ersten Lockdowns im Frühjahr stark von der Krise betroffen. Erzwungene Ladenschließungen und Kontaktbeschränkungen führten zu massiven Umsatzeinbußen. Aber Not macht erfinderisch, und so konnten wir im Frühjahr an jeder Ecke innovative Ideen, Solidarität und clevere Geschäftsmodelle entdecken, die auch nach dem Lockdown zu einer verbesserten Kundenbindung geführt und das Umsatzwachstum angetrieben haben. Gerade für stationäre Händler oder mittelständische Unternehmen, die sich zuvor kaum oder gar nicht mit dem Thema Online-Commerce beschäftigt hatten, galt das Gebot einer zügigen Digitalisierung, um nicht unterzugehen. Einen besonderen Boom erlebten Online-Marktplätze. Welche Vorteile diese für den stationären Handel bereithalten und was vor allem mittelständische Unternehmen mit dem Blick auf Best Cases aus der Krise lernen können, zeigt dieser Beitrag.

Online-Marktplätze: der kurzfristige Einstieg in den E-Commerce

Online-Marktplätze oder auch Online-Plattformen sind ein Transaktionsort, auf dem physische Güter, aber auch Services und Dienstleistungen gehandelt werden. Verkäufer nutzen die Plattform, um mit ihren Endkunden in Kontakt zu treten, wobei die Preiskalkulation und die logistische Abwicklung wie Versand und Rückgabemodalitäten oft beim Verkäufer liegen. Der Online-Marktplatz stellt den Händlern in vielen Fällen nur die Plattform zur Verfügung, also das technologische Fundament für die Transaktion. Für dieses Angebot, das um zusätzliche Services wie Payment-Lösungen, Vertrieb, Marketing oder Logistik erweitert werden kann, erhalten die Plattformbetreiber einen Teil des Verkaufspreises in Form einer Provision. Es gibt verschiedene Arten von Marktplätzen, unterschieden wird etwa nach Verkäufer und Zielgruppe oder zwischen B2C- oder B2B-Marktplätzen.

 

Durch die Nutzung von Online-Marktplätzen kann im Prinzip jeder, der ein Produkt oder einen Service anbietet, ohne eigenen Online-Shop in den E-Commerce einsteigen. Die bekanntesten Marktplätze sind nach wie vor solche Big Player wie Amazon, eBay und Co. Das Marktplatzmodell hat aber, nicht erst seit der Corona-Krise, einen echten Boom erfahren, die Auswahl ist wesentlich gestiegen, ebenso wie die Konkurrenz der einzelnen Lösungen untereinander. Die Nachfrage, die Reichweite und die User-Freundlichkeit entscheiden über Erfolg oder Niederlage des Modells. Für stationäre Händler sind Online-Marktplätze gerade in Krisenzeiten eine Möglichkeit, das eigene Geschäftsmodell schnell zu digitalisieren und einen Online-Vertrieb zu implementieren. Entgegen der weit verbreiteten Annahme lohnen sich Online-Marktplätze nicht nur für ein breites Produktspektrum, sondern auch für Nischenbranchen. Nichtsdestotrotz haben Online-Marktplätze auch Nachteile. Die Händler begeben sich in die technologische Abhängigkeit der Plattform-Anbieter und können Design, Usability & Co. nicht selbst bestimmen. Wer also auf seine eigene Marke einzahlen will, wird langfristig ohne eigenen Shop nicht auskommen.

Rasante Digitalisierung – Best-Practice-Marktplätze in Krisenzeiten

Wie schnell Online-Marktplätze und Online-Shops realisiert werden können, zeigen zwei Erfolgsgeschichten aus Nord- und Süddeutschland. Aus dem Zusammenspiel von effektivem Shopsystem und technologischen Partnern aus der Region sind so schnell neue Commerce-Projekte entstanden. Aufgrund der Covid-19-Pandemie musste der Einzelhandel landesweit von heute auf morgen seine Türen schließen. Doch auf der Plattform MV.handelt konnten in Mecklenburg-Vorpommern innerhalb weniger Tage Ladengeschäfte, Gastronomiebetriebe, Lebensmittelproduzenten, Sportvereine und andere ihre virtuellen Türen öffnen. Dank flexibel adaptierbarem Shopsystem konnte der Online-Marktplatz zügig, unkompliziert und kostenfrei für die Zeit der Corona-Krise den im Einzelhandel wegbrechenden Umsatz in Mecklenburg-Vorpommern ausgleichen.


Ein weiteres Beispiel ist das Online-Portal KAUF LOKAL, das zunächst in München startete und jetzt deutschlandweit ausgerollt wird. Zur Unterstützung des Einzelhandels während des Corona-Lockdowns wurde die Plattform mit dem Ziel ins Leben gerufen, so vielen kleinen und lokalen Händlern wie möglich eine echte finanzielle Unterstützung in der Krise zu bieten. In Form einer digitalen Shopping-Mall lädt das Online-Portal zum Stöbern ein. Teilnehmen können alle einheimischen, mittelständisch geprägten Einzelhandelsunternehmen sowie Start-ups. Bereits in den ersten Wochen wurden 200 Stores im Online-Portal angeschlossen, die insgesamt fünf Millionen Produkte von lokalen Händlern anbieten.

Pflegebranche: in drei Tagen zum eigenen Online-Shop

Auch eigentlich E-Commerce-ferne Branchen mussten durch die Corona-Pandemie ihr Geschäftsmodell plötzlich überdenken und neue Wege gehen. Eine Erfolgsgeschichte kann der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. erzählen. Der bpa ist mit etwa 11.000 aktiven Mitgliedseinrichtungen die größte Interessenvertretung privater Anbieter sozialer Dienstleistungen in Deutschland. Einrichtungen der ambulanten und (teil-)stationären Pflege, der Behindertenhilfe sowie der Kinder- und Jugendhilfe in privater Trägerschaft sind im bpa organisiert. Im Frühjahr hat der Bundesverband binnen drei Tagen einen Online-Shop aufgebaut, in dem sich Mitglieder des bpa mit Schutzausrüstung und Atemschutzmasken eindecken konnten. Das große Problem der Verfügbarkeit von Schutzkleidung betraf im Frühjahr besonders die Pflegeeinrichtungen. Die extrem hohe Nachfrage überstieg das Angebot um ein Vielfaches. Mithilfe des Online-Shops konnte der bpa seine Nachfrage regulieren, die Ware gerecht verteilen und seine Mitglieder bestmöglich ausstatten. Der Shop verfügte über eine DATEV-Anbindung, eine Schnittstelle zur Spedition, eine regelmäßige Aktualisierung der Verbandsmitglieder und fixe Rechnungs- und Lieferanschriften.


Die Krise als Chance für neue Geschäftsmodelle und die lang verpasste Digitalisierung

Diese drei Beispiele zeigen: Die Krise beschleunigt digitale Lösungen wie nie zuvor. Online-Marktplätze bieten die große Chance, die neuen Angebote zu nutzen und schnell zu testen, ohne langwierige strategische Vorplanungen. Die besonderen Umstände rechtfertigen pragmatisch und schnell durchgeführte Projekte, die früher Monate oder Jahre in Anspruch genommen hätten. Nur wenige Unternehmen schaffen den Shift allerdings allein: Wer sich externe Unterstützung an Bord holt, kann vom Know-how und einer schnellen Realisierung profitieren. Bei der Auswahl der richtigen Partner sollten Unternehmen auf die branchenspezifische Expertise achten. Diese Partner können dann mit einem ganzheitlichen Blick auf das Unternehmen das Geschäftsmodell digitalisieren, ohne Insellösungen zu erschaffen. Die Herausforderungen des Mittelstands von heute könnten in einigen Jahren Früchte tragen. Die wahren Champions, die jetzt nicht existenziell bedroht sind, nutzen die Zeit und stellen die Weichen für die Zukunft.

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Über Roland Fesenmayr

Die Welt von Handel und Vertrieb ist Roland Fesenmayr ebenso vertraut wie die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung.

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