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New Normal: Normal und doch nicht normal

Aus einem anderen Blickwinkel mit der Zukunft auseinandersetzen: Corona hin, New Normal her. Beobachtungen und Thesen als Denkfutter.
Bertold Raschkowski | 03.08.2020
New Normal: Normal und doch nicht normal © Freepik / oatawa
 

The New Normal: Dieser Begriff wurde geboren aus dem Wunsch nach einer zukünftigen Normalität, die schon jetzt plan- und gestaltbar ist. Dem Wunsch nach zeitlicher Stabilität für etwas, das von Natur aus flüchtig ist. Wie will man etwas handhaben, das man nicht kennt? Sicher nicht durch jetzt schon fertige Konzepte und Methoden - auch wenn der Berater bereits welche vorbereitet hat.

 

Planbarkeitsillusion

Was wir schon lange wissen, aber verdrängen und offensichtlich immer noch nicht wahrhaben wollen: Planung und Vorbereitung funktionieren nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr so, wie in der eine oder andere von uns noch im Studium gelernt hat. Insofern verwundert es schon, dass es auch jetzt noch soviel Unterstützung für den Gedanken gibt, man könne sich auf alles vorbereiten, wenn man einen Sachverhalt / ein Phänomen kreativ benennt und ausschmückt. Vielleicht dokumentiert die Vielzahl der Beiträge zu diesem Thema auch die eigene Hilflosigkeit der Autoren und Companies - und unsere aktionistische Hilflosigkeit als Berater. Auf jeden Fall aber ist sie ein Symbol für das Bestreben der eigenen Kompetenzkommunikation und -dokumentation nach außen.

 

Chancen und Risiken

Der Ruf nach dem Sinn ist nicht selten ein Ruf ins Leere. Genauso wie die Betonung der DNA. Die meisten Unternehmen haben weder das Eine noch das Andere, es sei denn, sie ist von Spezialisten ausgedacht und öffentlichkeitswirksam. Wenn es gut zu kommunizieren ist, macht es Sinn.

Die Chancen aus der Krise, die sich in einer gänzlichen Neuorientierung, einer echten Selbstdisruption und einer dem vorangegangenen Sinnerkenntnis ergeben, aber nicht primär dem Profit helfen, sind gleichzeitig auch die Risiken und Bedrohungen für das eigene tradierte Geschäft.

 

Wahrscheinlichkeiten

Was die Überlebenswahrscheinlichkeit von Konzepten und Organisationen in Zukunft erhöhen wird, ist das, was schon in der Vergangenheit funktioniert hat: Die Güte der eigenen Gestaltungs- und Anpassungsfähigkeit an schnelle und noch schneller werdende Veränderungen. Vor allem aber die Gewissheit und Bewusstmachung, dass es immer Vorkommnisse geben wird, die bisher absolut unwahrscheinlich schienen und, dass die nächste Katastrophe immer größer sein wird als die letzte, auf deren Ausmaß wir uns vorbereitet haben.

 

Kurieren am Symptom

The New Normal wird vielleicht in Teilbereichen Züge einer irgendwie gearteten Normalität haben. Der Wunsch vieler (insbesondere tradierter) Branchen nach der Wiederherstellung der Zustände aus den guten alten Zeiten wird aber wohl Wunsch bleiben. Die staatlichen Überlebenshilfen für Handel und Automobilindustrie kurieren hier lediglich am Symptom und ignorieren die sich abzeichnende bzw. schon manifeste Verschiebung der Nachfrage bzw. das Ausbleiben derselben.

 

Die unreflektierte und bedürfnisignorierende Übertragung analoger und Offline-Produkte ins Netz ist weder Digitalisierung noch Transformation, sondern ein hilflos wirkender Versuch nicht als inaktiv zu scheinen und aufgrund von zu geringem Getöse in einen Bereich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle abzusinken. Es hat den Anschein, als wolle man mehr den Wettbewerber und die Medien beeindrucken als dem Kunden einen echten Wert bieten.

 

Ach ja, die Führung...

Damit lässt sich der Bogen spannen zu dem, was Management und Führung in der „neuen“ Zeit denn können sollen und / oder was Erfolg verspricht: Auf „den Kunden“ und seine Bedürfnisse schauen statt auf Produkte oder Technologien. Zur Erinnerung: Technologien sind Vehikel, die den Nutzen zu uns bringen, kein Selbstzweck. Die menschlichen Bedürfnisse sind nicht neu - nur manchen wird erst jetzt bewusst, welches die ureigenen sind. Wer selbst Kunde ist, dem ist das meist unmittelbar klar. Schwieriger ist da immer noch der Perspektivwechsel auf diejenigen, die die eigenen Kunden sind.

 

Denkfutter, Thesen und Beobachtungen...

Wer sich aus einem anderen Blickwinkel mit der Zukunft auseinandersetzen möchte - Corona hin, New Normal her - dem seien im Folgenden einige Beobachtungen und Thesen als Denkfutter angeboten. Nicht 5, nicht 10, sondern 8:

 

1. Nicht die Digitalisierung setzt aktuell die Arbeitsplätze frei, sondern die erzwungene oder bewusst freiwillige Nachfrageverschiebung. Es besteht grundsätzlich die Chance für neue Arbeitsplätze, die allerdings weniger den „digitalen“ Bereich betreffen werden.

 

2. Die Rückbesinnung auf den Kernnutzen von Produkten wird zu einer höheren Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen führen, die „gut genug“ sind - im Sinne eines weniger, aber besser.

 

3. Handwerk bzw. manuell produzierte Güter erfahren aufgrund der als höher empfundenen Sinnhaftigkeit in Produktion und Konsum eine Renaissance.

 

4. Die Nachfrage nach den Gut-genug-Produkten hat zwei wesentliche Konsequenzen: Längere Produktlebenszyklen und Zusammenfassung zuvor tayloristisch fragmentierter Arbeitsschritte zu sinnstiftenderen Einheiten.

 

5. Die eingeschränkte Beweglichkeit und der überproportionale Anstieg der Online-Arbeit und Online-Zeit in Home-Offices führt zu einem Kursanstieg der Währungen „Offline“, „Draußen“ und „Raum“. Analog und offline sind das neue Gold. Das (kommunikative) Eindringen in die Privatsphäre durch Bots oder Feedback-Terrorismus (insbesondere Aufforderungen zur Produkt-Bewertung) trifft auf Widerstand.

 

6. Persönliche Ansprache ist der neue Luxus, die neue Währung, die a) an manchen Stellen bezahlt wird und b) an anderen Stellen unbezahlbar bleibt. Es wird Echtheitszertifikate für „echte“ Texte, Personen und Kommunikation als Differenzierungsmerkmal geben.

 

7. Die Sinnhaftigkeit jeglichen Engagements steht am Anfang der Überlegungen, nicht am Ende. Sinn wird aus dem bisherigen Status „Stereotyp“ hinaustreten - müssen. Authentizität schlägt konstruierten Sinn. Das Tun schlägt die Worte – an ihren Taten werdet Ihr sie erkennen.

 

8. Die bedeutendsten und wichtigsten Fähigkeiten sind: Eigenverantwortliches Denken und Handeln. Die Beurteilung der zugänglichen Informationen und Meinungen - und das konsequente Treffen von Entscheidungen.

 

Vorsicht: Das Gegenteil des oben gesagten ist übrigens genauso wahrscheinlich.