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Endstation Adblocker?

Die Werbebranche muss nach alternativen Geschäftsmodellen suchen. Wie neue Geschäftsmodelle die Werbung aus der Krise führen.
Tim Schumacher | 14.09.2020
Endstation Adblocker? © Pixabay
 

Es gibt einige gute Gründe einen Adblocker zu nutzen. Viele Menschen empfinden Werbung schlicht als störend, sie möchten nicht beim Surfen unterbrochen werden oder fürchten den Computer durch Werbeanzeigen mit Malware zu infizieren. Etwa 25 Prozent der deutschen Internetnutzer surfen heute mit einem Adblocker im Netz.[1]

 

Adblocking Nutzer sind eine sehr attraktive Gruppe für Werbetreibende. Sie sind gebildet, jung und verdienen gut, rund 60 Prozent sind unter 34 Jahre alt. 15 Prozent haben ein Einkommen von 90.000-120.000 US-Dollar. Was für Werber und Brands aber noch viel interessanter sein dürfte: 38 Prozent der Adblocking Nutzer geben monatlich mehr als 250 US-Dollar online aus und sie kaufen fast doppelt so häufig online, nachdem sie eine Werbeanzeige gesehen haben.[2]

 

Nur wenige Adblocking Nutzer lehnen jegliche Werbung ab

Man könnte meinen, diese Gruppe sei für Werbetreibende unerreichbar, aber das stimmt nicht. Nur ein kleiner Anteil der Adblock-Nutzer lehnt jegliche Werbung ab und sieht deshalb überhaupt keine Anzeigen, die restlichen 83 Prozent sind bereit einige wenige Werbeformen zu sehen und unterstützen so Content Creator, die ihre Nutzungsgewohnheiten respektieren.[3]

 

Doch wie kann respektvolle und akzeptable Werbung aussehen?

So erreichen Sie Adblocking Nutzer nachhaltig:

1. Das Recht der User auf Selbstbestimmung akzeptieren.

2. Ads sollten respektvoll sein und einen Mehrwert bieten.

3. Transparenz: Werbung muss klar gekennzeichnet sein.

4. Anzeigen sollten nicht im Fließtext einer Webseite auftauchen.

5. Ads nehmen maximal 25 Prozent des Bildschirms ein.

...ganz praktisch bedeutet das für Werbetreibende zwei simple Regeln:

1. Netzwerke nutzen, die für Acceptable Ads zertifiziert sind, zum Beispiel Bing, Google AdWords, Yahoo Search Ads, Outbrain/Ligatus, Criteo, AAX.media, Media.net u.v.a - vollständige Liste unter AcceptableAds.com

2. Immer darauf achten, auch nicht-animierte Werbemittel in Standardformaten für jede Kampagne zur Verfügung zu stellen. Nur so kann die Werbung an Nutzer von Werbeblockern überhaupt ausgespielt werden.

 

38 Prozent der Nutzer geben an, dass sich aufdringliche Werbung negativ auf ihre Meinung über die beworbene Marke auswirkt, dies trifft ebenso auf die Seite zu, die die Werbeanzeige ausgespielt hat.[4] Publisher sowie Advertiser schaden sich also selbst, wenn sie den Nutzern Werbung aufzuzwingen

Die Kunst liegt darin den Kunden dort abzuholen wo er steht und ihm die Werbung auszuspielen, die ihm einen Mehrwert bietet und seinen Bedürfnissen entspricht.

Das bedeutet auch das Recht des Nutzers, selbst zu entscheiden, welche Werbung er sehen möchte, zu respektieren.

 

Dieses Grundprinzip steht für alle Werbeblocker, die sich der Acceptable-Ads-Initiative angeschlossen haben an erster Stelle. Neben Adblock Plus (herausgegeben von dem von mir mitgegründeten deutschen Unternehmen eyeo) sind das zum Beispiel AdBlock und Crystal, weltweit  nutzen etwa 200 Millionen Menschen Acceptable Ads. Selbstverständlich entscheiden die Nutzer selbst, ob sie überhaupt keine Werbeanzeigen sehen möchte oder Acceptable Ads erlauben.

 

Unabhängiges Gremium entscheidet über Kriterien

Alleiniger Entscheider über die Frage, welche Werbung akzeptabel ist, ist die unabhängige und gemeinnützige Organisation Acceptable Ads Committee (AAC). Das Acceptable Ads Committee hat einen Kriterienkatalog entwickelt, der genau festlegt, welche Voraussetzungen Werbung erfüllen muss, um noch akzeptabel zu sein. Anzeigen, die sich an die Richtlinien für akzeptable Werbung halten, können auf eine Whitelist gesetzt und den Benutzern angezeigt werden, die Acceptable Ads auch mit Adblocker weiterhin zulassen wollen.

Die Werbebranche muss nach alternativen Geschäftsmodellen suchen

Dies bietet auch neue Monetarisierungsmöglichkeiten für Werber, denn eine Werbeanzeige, die von einem Adblocking Nutzer gesehen wird, konkurriert kaum mit aufdringlicher Werbung und bekommt so im Umkehrschluss mehr Aufmerksamkeit.

Aus meiner Sicht haben Adblocker dem User ein Stück Freiheit zurückgegeben, denn mittlerweile hat sich ein komplett neues Ökosystem an Monetarisierungsmodellen für Content entwickelt und ich bin fest davon überzeugt, dass sich der Markt hier noch sehr viel stärker diversifizieren wird. So können Nutzer endlich selbst entscheiden, ob sie zum Beispiel einen Inhalt kostenlos sehen und darum Werbung konsumieren oder stattdessen für einen werbefreien Inhalt bezahlen möchten, diese Möglichkeit gab es vorher nicht.

Der Nutzer hat ein klares Votum abgegeben und verlangt nach Alternativen. Es liegt an uns gemeinsam neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die tragfähig für Content Creators sind und gleichzeitig die Nutzerrechte respektieren.


Quellen

[1] Bundesverband digitale Wirtschaft e.V. (2018): OVK veröffentlicht neue Adblocker-Rate.

[2] eyeo GmbH (2018): The official 2018 Ad Blocking Report.

[3] Hubspot (2016): Why People Block Ads (And What It Means for Marketers and Advertisers).

[4] eyeo GmbH (2018): The official 2018 Ad Blocking Report.

 

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Über Tim Schumacher

Tim Schumacher ist Internetunternehmer und Investor. Er war Mitgründer und der langjährige CEO der börsennotierten Sedo AG und gründete 2011 eyeo.

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